Sie hörte zu.

Leise vernahm ich das raschelnde Geräusch von Papier hinter mir. Meine Finger drückten sanft auf die verschiedenen Tasten. Um so leichter sie drückten, desto leiser wurde der Ton. Ich genoss die Stille.
Nach einiger Zeit fühlte ich mich wie in Trance versetzt. Ich schloss die Augen und spielte dieses Lied – immer und immer wieder. Dabei ergaben die Saiten so seltsame hohe Töne, dass sie vor meinen Augen verschiedenste Bilder meiner Phantasie zerrissen.
Ich sah elegante, lange Frauenbeine, welche wie eine Ballerina vor sich hin trippelten. Sie hielten nicht an, sprangen immerzu geradeaus – ein Satz nach dem anderen. Dann war das Stück zu Ende.
Ich öffnete wieder die Augen und sah meine Finger noch auf den Tasten der letzten fünf Töne verweilen. Und ich hörte wieder das Rascheln hinter mir. Ich wusste, sie saß da. Und sie genoss es, mir zuzuhören. Ich hatte große Fortschritte gemacht.
Ich spielte das nächste Stück. Gab mir besonders große Mühe. Ich würde sie heute mit Stolz erfüllen. Würde ihr heute ohne Worte klar machen, was für eine großartige Tochter sie hatte. Sie hatte selbst gesagt, ich sei besser geworden. Und ich wollte jetzt alles aus mir herausholen, so viel Gefühl in das Lied hineinstecken, dass es platzen würde. Dass sie vor Gefühlen platzen würde.
Ich spielte. Eine Taste nach der anderen.
Unter meinen Fingerkuppen das glatte Schwarz-Weiß. Es fühlte sich gut an.
Ob sie wohl aufmerksam zuhörte? Ich passte auf, keinen Fehler zu machen. Und wenn ich einen machte, umspielte ich ihn so schön, dass er sofort wieder verdeckt war.
Dann versank ich wieder im Lied. Sah wieder phantasiehafte Bilder vor Augen. Gefühlvolle Lieder brauchen gewisse Maße an Vorstellungskraft. Ich spielte das, was ich mir gerade vorstellte. Und ich wusste, sie spürte es auch. Sie konnte innerlich mitspielen, ihre Finger bewegen und die Tasten drücken.
Und wieder hörte ich das Knistern des Modekatalogs, das sie umblätterte. Sie verstand mich. Ich wusste es. Meine Hände spielten schon wie von selbst, sie waren kaum aufzuhalten. Nie hatte ich die vielen einzelnen Töne so genau und detailliert wie heute hinbekommen. Es war wie Magie – und ich wusste, sie verstand mich. Sie wusste ganz bestimmt, was ich meinte und wie ich fühlte.
Die letzten Töne spielte ich mit ganz besonders viel Melancholie. Ich ließ mir viel Zeit. Jede einzelne Taste verdiente es, bis zum Ende auszuklingen.
Die glatte Ebene unter meinen Fingern. Sie hatte den Ausdruck von Abschied.
Wieder das blätternde Rascheln hinter mir. Ich drehte mich um, wollte sie anlächeln.
Aber ich war allein.

2 Antworten zu Sie hörte zu.

  1. Alwina schreibt:

    Sehr rührendes Writing mit überraschendem Ende.

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